Der Ausritt

Freitag, 14. Mai 2010 19:32

Im Hofe ließ Thomas die Doktorin aus den Innen­flächen seiner über dem Knie gefalteten Hände in den Sattel steigen. Die Doktorin, die diese Geste an ihm nicht kannte, war ihm dankbar dafür, denn sie bewies Thomas’ gesundes Gefühl, das ihm gebot, die Würde des Wehrhofs vor dem fremden Gast zu unterstreichen. Den einfachen Thomas erniedrigte dieser Steigbügeldienst nicht, sondern weckte in General Ra­min die Erinnerung an alte Kavalierszeiten.

So ritten sie zu dritt zum Tor hinaus. Thomas, der wußte, wo die Herde weidete, hatte die Führung über­nommen und ließ sein Pferd einen kurzen Galopp gehen.

Die Doktorin hielt neben dem General bei der älte­sten Stute der Herde. Sie war heute, da ihr die Sonne sicher wohltun würde, mit auf die Weide gegangen. Der Anblick des noch immer leidenden Tieres trieb in der Doktorin die Bitterkeit auf.

Sollten wir Pferdefreunde, Sie und ich, nicht endlich in unseren Ländern reden und immer wieder reden, damit dieser Irrsinn sich nicht wiederhole? Man wird uns Roßnarren heißen, aber man wird es mit einem Lächeln tun. Doch wo gelächelt wird, da ist auch der Wille zu großzügigem Verstehen. Reiten wir heim, Herr Ramin, ich hoffe, daß Ihr Sohn sich nicht inzwischen in meine Tochter verliebt hat!« schloß die Doktorin betont leichthin und strich dem Pferd des Generals über die Mähne.

Befreiung der Pferde

Donnerstag, 13. Mai 2010 13:21

Mit einem hellen Wiehern, das seinen blauschwar­zen Rumpf erschütterte, grüßte er das Licht. Er hörte nicht auf den Ruf der Doktorin, sondern sprang von der Stelle in Galopp und stürmte hinaus in den von der Sonne durchfluteten Hof, dessen geräumiges Ge­viert er mit stolz erhobenen Tritten abtrabte.

Inzwischen kam eine Stute mit ihrem Fohlen, sie wieherte leise, gleichsam noch ungläubig, als sie das Licht sah und die klare Luft witterte. Sie tat erst mit der Doktorin vertraut, bevor sie in den Hof trat. Das Fohlen folgte ihr scheu und zögernd.

Scheitan stellte sich nun beim Scheunentor auf und begrüßte jede seiner Stuten; die beiden Junghengste, die ungestüm heraufpolterten, empfing er mit ange­legten Ohren und gebleckten Zähnen, griff sie aber nicht an, da sie ihn vor lauter Lust nach der Freiheit nicht beachteten.

Danach blieb Scheitan noch immer beim Tor stehen und wartete; die Doktorin, die jedes Pferd kannte, wußte, daß die Älteste der Herde fehlte.

Und schließlich kam auch sie, matt, mit hängen­dem Hals und schleppenden Tritten, als wären ihr die Hufe zu schwer. Ihr braunes Haar war stumpf über dem trächtigen Leib, die Hüftknochen standen hervor.

Als die alte Stute, sichtlich ermüdet vom Anstieg über den Stollenausgang, in der Doktorin Nähe war, blieb sie stehen. Sie wieherte dumpf und leise, und als die Doktorin, deren Reitpferd die Stute einmal ge­wesen war, ihr mit der Hand über die Nüstern strich, fing sie die Finger mit den Lippen und spielte mit ihnen. Die Doktorin brachte kein Wort heraus, es war, als flössen ihr die Tränen nach innen.

Da trat Scheitan heran und betastete die alte Stute, die Luft schnarchend einziehend, zärtlich mit den Nüstern.

»Wir müssen alles tun, damit sie wieder gesund wird!« sagte die Doktorin, als Genia und Thomas heraufgestiegen und zu ihr gekommen waren.

Kleiner II

Mittwoch, 12. Mai 2010 10:37

Man mag lächeln bei diesen Worten, spöttisch oder mitleidig; ich verstehe das, Ich hätte vielleicht selbst so belächelt, ehe ich Bunter kannte und den Affen schlechthin nur nach jenen mehr oder weniger degenerierten Exemplaren des Zoologischen Gartens beurteilte, Diese Tiere, die da hinter Gitterstäben dem Scherz der Menge dienen und die niemals ihre Urheimat gesehen haben, können uns nichts mehr erzählen aus der wunderbaren Ursprünglichkeit ihrer Seele, die mit den Stimmen und Zaubern des Urwaldes, dem Wesen der Familie im Hort ihrer Geschlechtsgenossen wächst und geheimnisvoll spricht, diese Tiere sind ja längst das geworden, was die Menschen in ihnen besitzen und belächeln wollen, eben — Affen!

Unser Hamadryas lehrte mich seine Gattung anders kennen, so kennen, dass ich ihn eines Tages plötzlich liebte, diesen treuen und klugen Gesellen liebte, wie man ein Kind liebt, das noch nichts von den Gepflogenheiten der kultivierten Welt in sich weiß, das selbst in seinen Unarten … die ja nur wir als solche zu erkennen uns einbilden . . liebenswert bleibt und unendlich schön und gut, Raderich Tirol hatte Bunter als ganz kleines, doch gut entwickeltes Geschöpf aus seiner afrikanischen Heimat mitgebracht, wo in früheren Zeiten die Bewohner des Landes dem Hamadryas religiöse Ehrfurcht erwiesen; er hatte ihn aufgezogen, gepflegt und zu einem Wesen emporentwickelt, das in vielen, sehr vielen Beziehungen mit dem aller wertvollsten Menschen auf eine Stufe gestellt werden konnte, Da sein Herr ihm dabei nicht jene Schule einer artistischen Dressur angedeihen ließ, die aus den Kreaturen der Wildnis possierliche Komödianten macht, blieb in dem prachtvollen Burschen der Instinkt seiner Heimat lebendig und verlieh jeder seiner, oft zivilisiert anmutenden Handlung den Reiz einer bewunderungswürdigen Selbstverständlichkeit.

Kleiner Teil 1

Montag, 10. Mai 2010 16:38

Kleiner war Pavian. Sein bester Freund war Billy.

Billy war mein Hund. Ein sehr schöner Wachtelhund, nicht groß, aber klug und treu, ein fröhlicher Bursche mit immer lustigen Augen und hervorragenden Manieren, Anfangs begegneten sich die beiden Tiere mit Mißtrauen, das aber bald einer besseren Regung wich und zuletzt in die innigste Freundschaft ausartete, Ich habe nie- etwas Rührenderes gesehen, als wenn Billy, der gerne außerhalb des Hauses herumstrolchte, abends oder zu sonst einer Zeit heimkam und von Kleiner empfangen wurde.

Mit Billy war Kleiners Kind, aber stets älteres Kind, immer liebend besorgt um das jüngere, fortwährend bemüht um den Freund, ihn mit tausenderlei Liebenswürdigkeiten überhäufend, So zerrte er aufgesparte Leckerbissen aus seinem Winkel hervor, um sie Billy zu verehren, der sicher Hunger bekommen hatte auf seiner Streife, Die ganze Philosophie wurde der Kinderfreude geopfert, wenn Billy kam . . und Kleiner fühlte das Nahen seines Freundes schon, wenn dieser noch außer Sicht war und seine Ankunft noch nicht einmal durch Bellen verriet, Wie närrisch benahm sich der Pavian, wenn dann der kleine Hund endlich da war, Er trug ihn förmlich durch das ganze Haus, schleppte, zerrte ihn treppauf, treppab schwang sich mit ihm in die Schaukel, die er allein benützte . . kurz, zeigte dem Freund sich in einer Besorgtheit und Liebe dienlich, die Menschen beschämen und eines Besseren belehren könnte.

Die Herde Hirsche

Samstag, 8. Mai 2010 20:34

Auf einer Waldwiese voll goldgelben Löwenzahns, voll Minze und Kissen tiefblauen Enzians äste der Unbesiegbare, ein mächtiger Hirsch, der stolze Gebieter über eine Herde von fünf sanftmütigen und furchtsamen Hirschkühen, Inmitten der Berge, umgeben von feierlicher Fruchtbarkeit, fürchtete er nicht den heimlichen Nebenbuhler noch das tückische Raub zeug, weder Wolf noch Mensch.
Eine alte Hirschkuh war das Leittier der Herde und wachte Tag und Nacht über sie, Kamen Wölfe, diese grauen Banditen, in die Nähe, gewahrte sie sogleich ihre Anwesenheit, Der leiseste Windhauch warnte sie, indem er ihren Nüstern den scharfen Geruch des lauernden Räubers zu trug, Wenn bei Tagesanbruch der Jäger auf dem Hochstand saß, um seine Kugel auf den röhrenden Bullen anzubringen, oder wenn nur ein Mensch über die Pässe kam, hauchte der Morgenwind der alten Hirschkuh zu: „Sei auf der Hut! Der Feind ist nah!” Das feine Gehör der Hirschkuh belauschte jedes Dickicht, und wenn der Unbesiegbare seinen Liebesruf in die Welt hinein donnerte, vergaß sie nicht einen Augenblick, dass die Sicherheit aller von ihr abhing. Wenn sie einen Laut gab, stürzte sich die Herde im gleichen Augenblick wie eine Steinlawine in das schwarze Dunkel der Tannen, Dann war alles still, Nur das Plätschern und ‚Rauschen des Sturzbachs klang aus der Schlucht herauf, und aus dem steigenden Nebel dröhnte die Liebesklage des Hirsches,

kaltes Wasser

Freitag, 7. Mai 2010 19:36

Als sie sah, daß seine Hände durch die Probleme wieder unruhig wur­den, ging sie zu ihm und setzte sich auf die Kante seines Schreibtisches.

Sie legte einen Arm um seinen Hals und sagte:

»Lieber, alter Joseph, Ihnen graust jetzt nur vor dem kalten Wasser. Wenn Sie aber einmal hinein­getaucht sind, dann schwimmen Sie auch.«

»kaltes Wasser, kaltes Wasser . . .« sprach der alte Joseph vor sich hin. »Warum sprechen Sie nicht aus, was kaltes Wasser ist?«

»Weil ich Umschreibungen liebe, Joseph«, ant­wortete sie, »aus persönlichen Gründen liebe, wie ich für Mord gern Rache sage, für Überwältigung gern Bestimmung und für Probleme nun eben kaltes Wasser.«

Joseph schwieg. Sie sah, wie er sein peinlich gut rasiertes Kinn bewegte, als kaue er an ihren Worten, die Erinnerungen in ihm wachgerufen hatten.

»Beißen Sie nicht bitter in sich hinein, mein Lieber! Die Dinge sind nicht mehr der Rede wert, auch nicht des Gedankens …«

»Glauben Sie, ich wäre nicht unbeschwert?« fragte die Doktorin den Alten. »Ich muß es sein, um dem begegnen zu können, was kommt!«

»Was nachkommt, pflegt stets das Ärgere zu sein, gnädige Frau!«

»Ich freue mich, daß Sie schon mit den künftigen Tatsachen rechnen, Joseph. Aber was man zweimal überstanden hat, bringt einen zum drittenmal kaum um«, sagte die Doktorin und bog die Reitgerte, die sie von ihrem Schreibtisch nahm, in den Händen.

die Fliege

Mittwoch, 5. Mai 2010 19:33

»Nun machen wir einen solchen Wirbel schon zum dritten Mal gemeinsam mit, und Sie werden immer noch nervös, mein Lieber. Ich nehme so etwas nicht ernster als Gewitter. Und nun muss ich die Fliege doch selbst wegbringen…« Die Doktorin stand von ihrem Schreibtisch auf und ging zum Fenster. Dort fing sie das lästige Insekt mit behutsamer Hand und entließ es durch den geöffneten Flügel ins Freie.

»Ihre Ruhe ist mir unerträglich, gnädige Frau«, sagte Franz und klappte das gewichtige Hauptbuch zu.

»Warum sollte ich einem unerfreulichen Ereignis mehr Aufmerksamkeit schenken, als es grad noch ver­dient?« fragte die Doktorin, die am Fenster stehen geblieben war.

die Herde

Montag, 3. Mai 2010 18:40

Draußen bei der Herde mit Martin, sie werden die Pferde hereinbringen, bevor das Gewitter kommt.

Das vertraute Klopfen galoppierender Pferde unterbrach das Gespräch. Sie ging wieder zum Fen­ster, und der alte Franz folgte ihr. Sie sahen, wie eine Herde von etwa zwanzig Pferden durch das offene Tor, das ihnen den Blick freigab in die weite Ebene, der nur artesische Brunnen Akzente setzten, in den alten Wehrhof stürmte.

Die Pferde sind unser Gut! Nicht nur in Geldeswert, sie sind auch die guten Geister unseres Hofes, und der Dienst an ihnen soll dir keine Plage sein.

Man hört das Wiehern bis ins Haus hinauf! Stellt die Pferde so zusammen, daß die befreundeten bei­einander sind und sich nicht gegenseitig rufen. Ihr müßt auch Scheitan von den beiden Junghengsten trennen, sonst lärmen und raufen sie aus Langeweile.

Im Herrenzimmer war voll mit alten englischen Stichen, die berühmte Vollblut-pferde zeigten, mit Ölgemälden und vergilbten Photogra­phien eigener Pferde bedeckt. Auf einem schweren geschnitzten Schreibtisch standen zwischen aus Huf­eisen geschmiedeten Stützen handgerecht in Leder gebundene hippologische Nachschlagwerke.