Der Ausritt
Freitag, 14. Mai 2010 19:32
Im Hofe ließ Thomas die Doktorin aus den Innenflächen seiner über dem Knie gefalteten Hände in den Sattel steigen. Die Doktorin, die diese Geste an ihm nicht kannte, war ihm dankbar dafür, denn sie bewies Thomas’ gesundes Gefühl, das ihm gebot, die Würde des Wehrhofs vor dem fremden Gast zu unterstreichen. Den einfachen Thomas erniedrigte dieser Steigbügeldienst nicht, sondern weckte in General Ramin die Erinnerung an alte Kavalierszeiten.
So ritten sie zu dritt zum Tor hinaus. Thomas, der wußte, wo die Herde weidete, hatte die Führung übernommen und ließ sein Pferd einen kurzen Galopp gehen.
Die Doktorin hielt neben dem General bei der ältesten Stute der Herde. Sie war heute, da ihr die Sonne sicher wohltun würde, mit auf die Weide gegangen. Der Anblick des noch immer leidenden Tieres trieb in der Doktorin die Bitterkeit auf.
Sollten wir Pferdefreunde, Sie und ich, nicht endlich in unseren Ländern reden und immer wieder reden, damit dieser Irrsinn sich nicht wiederhole? Man wird uns Roßnarren heißen, aber man wird es mit einem Lächeln tun. Doch wo gelächelt wird, da ist auch der Wille zu großzügigem Verstehen. Reiten wir heim, Herr Ramin, ich hoffe, daß Ihr Sohn sich nicht inzwischen in meine Tochter verliebt hat!« schloß die Doktorin betont leichthin und strich dem Pferd des Generals über die Mähne.
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