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Die Nacht

Sonntag, 16. Mai 2010 19:58

Genia hätte gern das Licht gelöscht, aber sie gelangte nicht zum Schalter, denn Gerards Kopf lag auf ihrem Arm.

Er schlief mit fast lautlosem Atem. Sein gebräuntes Gesicht, in dem Genia Züge seiner Mutter wiedererkannte, war entspannt, nur die Flügel der schmalen Nase, die eine kleine Falte zeigte, wo sie der Stirn entsprang, bewegten sich beim Einziehen der Luft. Das dunkelblonde Haar war zerrauft, aber Genia gefiel es so, denn ihre Finger hatten es in zärtlichem Spiel durcheinandergebracht.

Sie wunderte sich, daß sie alles selbstverständlich fand. Gerard lag neben ihr im breiten Bett unter der Decke und war übermüdet mit einem Lächeln in ihrem Arm eingeschlafen. Sie hatte beobachtet, wie es sacht immer schwächer wurde, bis der Schlummer das Gesicht löste.
Genia fühlte, daß das, was sie empfand, Glück sein mußte. Obwohl sie ihn im Arm hatte und er schlief, wußte sie sich dennoch an seiner Seite gebor¬gen. Sie fühlte, wie sein Körper schlafwarm wurde an ihrer kühlen Haut, und dachte kaum mehr. Aber das Licht, das ihr gerade in die Augen fiel, nahm ihr den Schlaf, auch wenn sie die Lider schloß.
Als Gerard eine kleine Bewegung machte, um sich auf die andere Seite zu drehen, konnte sie den Zugschalter an der seidenen Quaste erhaschen und das Licht löschen.

Thema: Familie, Liebe | Kommentare (0) | Autor: admin