Tag-Archiv für » Herde «

Ende und Anfang

Sonntag, 30. Mai 2010 20:24

»Mama!« rief Genia. »Thomas sagt eben, daß unsere Älteste heute morgen gestorben ist!«
Thomas ging die wenigen Schritte zur Doktorin, und alle traten zu ihr.
»Gnädige Frau, ich bitte um Verzeihung, aber ihr Leben war wohl abgelaufen, ich habe alles getan. Sie ist erloschen wie eine Kerze, die niederbrennt.«
»Was habe ich Ihnen zu verzeihen, Thomas?« erwiderte die Doktorin. »Sie sind doch der Vater der Herde. Ging es leicht?«

Die Doktorin nickte Thomas zu. Er hielt vor Genia einen kleinen Beutel auf. Sie fühlte die Körner kühl in ihrer heißen rechten Hand, die zweimal den schweren, goldgelben Hafer über das frische Grab streute.
Mit dieser Aussaat, die einen Beginn bedeutete, war gleichsam von den Menschen die Last der Trauer gewichen, der sich auch Verica, da die schöne Handlung ohne Zeremoniell vor sich gegangen war und ohne große Worte, nicht hatte entziehen können. Thomas schneuzte sich einmal kräftig, Gerard nahm Genia still beim Arm, der General zog die Luft durch die Nase, und die Doktorin wartete darauf, daß Thomas etwas sagen würde.
Plötzlich wurden alle durch ein helles Wiehern aus ihren Stimmungen gerissen. Von der Herde her kam der Rapphengst Scheitan galoppiert. Bei den Menschen blieb er stehen und suchte Thomas, an dessen Ärmel er sich die Nase rieb.
Dann witterte er schnarchend zu der frischen besäten Erde, aber seine Lippen nahmen keins der Haferkörner auf, mit den Hufen trat er sie in den Boden hinein. Plötzlich richtete er sich auf, verharrte, während sich jeder Muskel an seinem mächtigen Körper ausprägte, und wieherte, daß es wie ein Trompetenstoß über die grüne Ebene schallte. Dann drehte er mit weit offenen Nüstern und aufgestellten Ohren seinen schönen, kleinen Kopf zur Herde hin, und mit einer kraftvoll anmutigen Wendung auf der gespannten Hinterhand sprengte er, wie ein Pfeil von der schnellenden Sehne fliegt, zurück zu seinen Stuten.
»Das Leben ruft ihn«, sagte die Doktorin, »und ich glaube, wir sollten ihm folgen. Gehen wir doch zur Herde!«

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Stuten und Hengste

Sonntag, 30. Mai 2010 10:24

Ihr Gespräch wurde unterbrochen, weil sich das Handpferd, das auch unterm Sattel gern seinen eigenen Willen durchzusetzen versuchte, wenn es den Reiter mit seinen Gedanken abwesend fühlte, vom Zügel mit einem Aufwerfen des Kopfes freimachte und zu galoppieren begann. Genia gelang es nicht, die Stute zu beruhigen, die nun auch noch ihre Nachbarin zum Springen ermunterte. Beide witterten die Nähe der Herde, sie gingen nicht durch, machten sich aber auch nicht mehr viel aus Genias Zügelkünsten.
»Mir scheint, wir sind gleich da«, sagte die Doktorin, »der Kutscherin rennen ihre Pferde davon.«
Und nach wenigen Minuten hielten sie schon bei der Unterkunft, Thomas kam auf einem der beiden Junghengste von der weiter entfernt weidenden Herde herangaloppiert.
Alle stiegen vom Wagen, die eingespannten Stuten fielen, als ob sie ausgehungert wären, gierig über das Gras her, dem der Morgentau nach der Sonne des Tages immer wieder seine grüne Frische gegeben hatte. Den Stuten rutschten die englischen Kummete über die Hälse, da sie die Nasen tief ins Gras steckten. Thomas’ junger Hengst wollte sie, nachdem sein Reiter abgesessen war und die Besucher begrüßte, gebührend empfangen. Er wieherte, daß es ihn in den Beinen riß, aber die Stuten hoben kaum die Köpfe.
Der junge Hengst suchte nun auf dem Boden die Nasen der Stuten, die ihn jedoch fortstießen.
»Höflich sind die Damen nicht!« sagte Verica und setzte hinzu: »Er übrigens auch nicht!« Denn der Hengst biß die eine Stute in den Widerrist und stieg, um sie mit den Vorderbeinen zu umfangen.

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Der Ausritt

Freitag, 14. Mai 2010 19:32

Im Hofe ließ Thomas die Doktorin aus den Innen­flächen seiner über dem Knie gefalteten Hände in den Sattel steigen. Die Doktorin, die diese Geste an ihm nicht kannte, war ihm dankbar dafür, denn sie bewies Thomas’ gesundes Gefühl, das ihm gebot, die Würde des Wehrhofs vor dem fremden Gast zu unterstreichen. Den einfachen Thomas erniedrigte dieser Steigbügeldienst nicht, sondern weckte in General Ra­min die Erinnerung an alte Kavalierszeiten.

So ritten sie zu dritt zum Tor hinaus. Thomas, der wußte, wo die Herde weidete, hatte die Führung über­nommen und ließ sein Pferd einen kurzen Galopp gehen.

Die Doktorin hielt neben dem General bei der älte­sten Stute der Herde. Sie war heute, da ihr die Sonne sicher wohltun würde, mit auf die Weide gegangen. Der Anblick des noch immer leidenden Tieres trieb in der Doktorin die Bitterkeit auf.

Sollten wir Pferdefreunde, Sie und ich, nicht endlich in unseren Ländern reden und immer wieder reden, damit dieser Irrsinn sich nicht wiederhole? Man wird uns Roßnarren heißen, aber man wird es mit einem Lächeln tun. Doch wo gelächelt wird, da ist auch der Wille zu großzügigem Verstehen. Reiten wir heim, Herr Ramin, ich hoffe, daß Ihr Sohn sich nicht inzwischen in meine Tochter verliebt hat!« schloß die Doktorin betont leichthin und strich dem Pferd des Generals über die Mähne.

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die Herde

Montag, 3. Mai 2010 18:40

Draußen bei der Herde mit Martin, sie werden die Pferde hereinbringen, bevor das Gewitter kommt.

Das vertraute Klopfen galoppierender Pferde unterbrach das Gespräch. Sie ging wieder zum Fen­ster, und der alte Franz folgte ihr. Sie sahen, wie eine Herde von etwa zwanzig Pferden durch das offene Tor, das ihnen den Blick freigab in die weite Ebene, der nur artesische Brunnen Akzente setzten, in den alten Wehrhof stürmte.

Die Pferde sind unser Gut! Nicht nur in Geldeswert, sie sind auch die guten Geister unseres Hofes, und der Dienst an ihnen soll dir keine Plage sein.

Man hört das Wiehern bis ins Haus hinauf! Stellt die Pferde so zusammen, daß die befreundeten bei­einander sind und sich nicht gegenseitig rufen. Ihr müßt auch Scheitan von den beiden Junghengsten trennen, sonst lärmen und raufen sie aus Langeweile.

Im Herrenzimmer war voll mit alten englischen Stichen, die berühmte Vollblut-pferde zeigten, mit Ölgemälden und vergilbten Photogra­phien eigener Pferde bedeckt. Auf einem schweren geschnitzten Schreibtisch standen zwischen aus Huf­eisen geschmiedeten Stützen handgerecht in Leder gebundene hippologische Nachschlagwerke.

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