Befreiung der Pferde
Donnerstag, 13. Mai 2010 13:21
Mit einem hellen Wiehern, das seinen blauschwarzen Rumpf erschütterte, grüßte er das Licht. Er hörte nicht auf den Ruf der Doktorin, sondern sprang von der Stelle in Galopp und stürmte hinaus in den von der Sonne durchfluteten Hof, dessen geräumiges Geviert er mit stolz erhobenen Tritten abtrabte.
Inzwischen kam eine Stute mit ihrem Fohlen, sie wieherte leise, gleichsam noch ungläubig, als sie das Licht sah und die klare Luft witterte. Sie tat erst mit der Doktorin vertraut, bevor sie in den Hof trat. Das Fohlen folgte ihr scheu und zögernd.
Scheitan stellte sich nun beim Scheunentor auf und begrüßte jede seiner Stuten; die beiden Junghengste, die ungestüm heraufpolterten, empfing er mit angelegten Ohren und gebleckten Zähnen, griff sie aber nicht an, da sie ihn vor lauter Lust nach der Freiheit nicht beachteten.
Danach blieb Scheitan noch immer beim Tor stehen und wartete; die Doktorin, die jedes Pferd kannte, wußte, daß die Älteste der Herde fehlte.
Und schließlich kam auch sie, matt, mit hängendem Hals und schleppenden Tritten, als wären ihr die Hufe zu schwer. Ihr braunes Haar war stumpf über dem trächtigen Leib, die Hüftknochen standen hervor.
Als die alte Stute, sichtlich ermüdet vom Anstieg über den Stollenausgang, in der Doktorin Nähe war, blieb sie stehen. Sie wieherte dumpf und leise, und als die Doktorin, deren Reitpferd die Stute einmal gewesen war, ihr mit der Hand über die Nüstern strich, fing sie die Finger mit den Lippen und spielte mit ihnen. Die Doktorin brachte kein Wort heraus, es war, als flössen ihr die Tränen nach innen.
Da trat Scheitan heran und betastete die alte Stute, die Luft schnarchend einziehend, zärtlich mit den Nüstern.
»Wir müssen alles tun, damit sie wieder gesund wird!« sagte die Doktorin, als Genia und Thomas heraufgestiegen und zu ihr gekommen waren.
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