Tag-Archiv für » Stute «

Pferdegrab

Montag, 31. Mai 2010 10:31

Sag, ist dort auch ein Pferdegrab?«
Sie deutete auf eine Stelle, aus der Halme in einem Grün, das sich von der Gräser Farbe unterschied, heraussprossen.
Die Doktorin erzählte ihr, daß seit der Zeit des Urgroßvaters die Pferde in freier Wildbahn gehalten und daß alte Pferde, deren Lebenszeit erfüllt war, immer an der Stelle oder nahe ihr bestattet wurden, wo sie gestorben waren. Und stets wurde Hafer auf ihre frischen Gräber gesät. Von den ersten reifen Halmen fielen die Körner aus, keimten und fruchteten wieder, denn die Pferde weideten ihn niemals ab, weil sie unter der Erde eins aus ihrer Herde witterten, das dem Hafer Kraft zum Wachsen gab. »Wir haben viele Stellen auf unseren Weiden, wo Hafer ein Pferdegrab anzeigt.«
»Ein schöner Brauch, der euch selber ehrt«, sagte Verica. Da waren sie schon bei der Herde.
Die Stuten näherten sich den Menschen, von denen ihnen nie Böses widerfahren war, vertraut; auch die kleinen Saugfohlen überwanden ihre Scheu, wurden bald zudringlich und fanden im Beknabbern und Abreißen von Knöpfen ein herrliches Vergnügen.

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Ende und Anfang

Sonntag, 30. Mai 2010 20:24

»Mama!« rief Genia. »Thomas sagt eben, daß unsere Älteste heute morgen gestorben ist!«
Thomas ging die wenigen Schritte zur Doktorin, und alle traten zu ihr.
»Gnädige Frau, ich bitte um Verzeihung, aber ihr Leben war wohl abgelaufen, ich habe alles getan. Sie ist erloschen wie eine Kerze, die niederbrennt.«
»Was habe ich Ihnen zu verzeihen, Thomas?« erwiderte die Doktorin. »Sie sind doch der Vater der Herde. Ging es leicht?«

Die Doktorin nickte Thomas zu. Er hielt vor Genia einen kleinen Beutel auf. Sie fühlte die Körner kühl in ihrer heißen rechten Hand, die zweimal den schweren, goldgelben Hafer über das frische Grab streute.
Mit dieser Aussaat, die einen Beginn bedeutete, war gleichsam von den Menschen die Last der Trauer gewichen, der sich auch Verica, da die schöne Handlung ohne Zeremoniell vor sich gegangen war und ohne große Worte, nicht hatte entziehen können. Thomas schneuzte sich einmal kräftig, Gerard nahm Genia still beim Arm, der General zog die Luft durch die Nase, und die Doktorin wartete darauf, daß Thomas etwas sagen würde.
Plötzlich wurden alle durch ein helles Wiehern aus ihren Stimmungen gerissen. Von der Herde her kam der Rapphengst Scheitan galoppiert. Bei den Menschen blieb er stehen und suchte Thomas, an dessen Ärmel er sich die Nase rieb.
Dann witterte er schnarchend zu der frischen besäten Erde, aber seine Lippen nahmen keins der Haferkörner auf, mit den Hufen trat er sie in den Boden hinein. Plötzlich richtete er sich auf, verharrte, während sich jeder Muskel an seinem mächtigen Körper ausprägte, und wieherte, daß es wie ein Trompetenstoß über die grüne Ebene schallte. Dann drehte er mit weit offenen Nüstern und aufgestellten Ohren seinen schönen, kleinen Kopf zur Herde hin, und mit einer kraftvoll anmutigen Wendung auf der gespannten Hinterhand sprengte er, wie ein Pfeil von der schnellenden Sehne fliegt, zurück zu seinen Stuten.
»Das Leben ruft ihn«, sagte die Doktorin, »und ich glaube, wir sollten ihm folgen. Gehen wir doch zur Herde!«

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Stuten und Hengste

Sonntag, 30. Mai 2010 10:24

Ihr Gespräch wurde unterbrochen, weil sich das Handpferd, das auch unterm Sattel gern seinen eigenen Willen durchzusetzen versuchte, wenn es den Reiter mit seinen Gedanken abwesend fühlte, vom Zügel mit einem Aufwerfen des Kopfes freimachte und zu galoppieren begann. Genia gelang es nicht, die Stute zu beruhigen, die nun auch noch ihre Nachbarin zum Springen ermunterte. Beide witterten die Nähe der Herde, sie gingen nicht durch, machten sich aber auch nicht mehr viel aus Genias Zügelkünsten.
»Mir scheint, wir sind gleich da«, sagte die Doktorin, »der Kutscherin rennen ihre Pferde davon.«
Und nach wenigen Minuten hielten sie schon bei der Unterkunft, Thomas kam auf einem der beiden Junghengste von der weiter entfernt weidenden Herde herangaloppiert.
Alle stiegen vom Wagen, die eingespannten Stuten fielen, als ob sie ausgehungert wären, gierig über das Gras her, dem der Morgentau nach der Sonne des Tages immer wieder seine grüne Frische gegeben hatte. Den Stuten rutschten die englischen Kummete über die Hälse, da sie die Nasen tief ins Gras steckten. Thomas’ junger Hengst wollte sie, nachdem sein Reiter abgesessen war und die Besucher begrüßte, gebührend empfangen. Er wieherte, daß es ihn in den Beinen riß, aber die Stuten hoben kaum die Köpfe.
Der junge Hengst suchte nun auf dem Boden die Nasen der Stuten, die ihn jedoch fortstießen.
»Höflich sind die Damen nicht!« sagte Verica und setzte hinzu: »Er übrigens auch nicht!« Denn der Hengst biß die eine Stute in den Widerrist und stieg, um sie mit den Vorderbeinen zu umfangen.

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Befreiung der Pferde

Donnerstag, 13. Mai 2010 13:21

Mit einem hellen Wiehern, das seinen blauschwar­zen Rumpf erschütterte, grüßte er das Licht. Er hörte nicht auf den Ruf der Doktorin, sondern sprang von der Stelle in Galopp und stürmte hinaus in den von der Sonne durchfluteten Hof, dessen geräumiges Ge­viert er mit stolz erhobenen Tritten abtrabte.

Inzwischen kam eine Stute mit ihrem Fohlen, sie wieherte leise, gleichsam noch ungläubig, als sie das Licht sah und die klare Luft witterte. Sie tat erst mit der Doktorin vertraut, bevor sie in den Hof trat. Das Fohlen folgte ihr scheu und zögernd.

Scheitan stellte sich nun beim Scheunentor auf und begrüßte jede seiner Stuten; die beiden Junghengste, die ungestüm heraufpolterten, empfing er mit ange­legten Ohren und gebleckten Zähnen, griff sie aber nicht an, da sie ihn vor lauter Lust nach der Freiheit nicht beachteten.

Danach blieb Scheitan noch immer beim Tor stehen und wartete; die Doktorin, die jedes Pferd kannte, wußte, daß die Älteste der Herde fehlte.

Und schließlich kam auch sie, matt, mit hängen­dem Hals und schleppenden Tritten, als wären ihr die Hufe zu schwer. Ihr braunes Haar war stumpf über dem trächtigen Leib, die Hüftknochen standen hervor.

Als die alte Stute, sichtlich ermüdet vom Anstieg über den Stollenausgang, in der Doktorin Nähe war, blieb sie stehen. Sie wieherte dumpf und leise, und als die Doktorin, deren Reitpferd die Stute einmal ge­wesen war, ihr mit der Hand über die Nüstern strich, fing sie die Finger mit den Lippen und spielte mit ihnen. Die Doktorin brachte kein Wort heraus, es war, als flössen ihr die Tränen nach innen.

Da trat Scheitan heran und betastete die alte Stute, die Luft schnarchend einziehend, zärtlich mit den Nüstern.

»Wir müssen alles tun, damit sie wieder gesund wird!« sagte die Doktorin, als Genia und Thomas heraufgestiegen und zu ihr gekommen waren.

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